08.09.1888 Wir erreichen Japan

„Am Sonnabend, 08.09.1888,
kommen wir an in Yokohama.“

Blick auf Yokohama, ca. 1890
Foto: Kusakabe, Kinbé: Yokohama, Sign. AlbAs024 -0047. Leibniz- Institut für Länderkunde, Leipzig
„Wir begeben uns in das sehr schöne Grand Hotel
in Yokohama“

Foto: Kusakabe, Kinbé, Yokohama, Sign. AlbAs024 -0050, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig
“ … wir sind alle sehr müde und gehen zeitig zu Bett. Am nächsten Tag ist sehr schlechtes Wetter, nur Regen. Der deutsche Konsul besorgt mir einen Pass, Insel Jesso (Hokkaido).
Nachmittags besuchen wir den Deutschen Club und – abends das Theater. Man raucht dort und der Souffleur ist auf der Bühne als Diener. Ist eine Szene zu Ende, wird die Lampe hochgehalten,
dann kommen von vorn die anderen Schauspieler.“
Nach dem Theater gingen wir in die Theehäuser
„Hinter eisernen Stäben sitzen die Damen. Nr. 9 ist mehr europäisch, das ist Ranata. 2 $ . Danach begeben wir uns noch in den Deutschen Club bis 1/2 2 Uhr.“

Montag, 10.09. „… ich begebe mich früh zum Konsul, kaufe nachmittags Koffer pp… schreibe Karten und Briefe. Dann ging es in den Club. Wir aßen im englischen Club auf Einladung des Schweizer Konsuls. Die Politik fesselte uns bis 1 1/2 Uhr. Ich lernte dort Stabsarzt Dr. Kleffel kennen, der mir Grüße an Dr. Gärtner in Jena auftrug.“
„Früh 1/2 9 Uhr erlebten wir ein ziemliches Erdbeben!“
Einkauf bei „Farsari“
Dienstag, 11.09. „… bis 9 Uhr geschlafen. Dann bei „Farsari“ Photos ausgesucht, darunter ein Album 40 $ , 24 [Karten] zu 10 Sen (銭).

2. Zeile von unten: „… Dienstag. Bis 9 Uhr geschlafen. Dann bei
Farsari Photos ausgesucht,
ein Album 40 $ … „.

„A. Farsari & Co. Yokohama“, Privatbesitz.

Der Buchdeckel (Ausschnitt)
„Abends sind wir im Hause des unverheirateten Schweizer Konsuls zum Essen geladen. Des Nachts 1/2 1 Uhr nach Hause gekommen.“
„Unterwegs erzählte mir der Herr Mimi, compagnon (=Bedienter), dass ihn einst der Kampf eines Frosches mit einer Schlange, darauf eine Kröte, sehr gefesselt und [er sich] sehr erschrocken habe…“.
Mittwoch, 12.09. „… bis 11 Uhr geschlafen und dann an Neumeister geschrieben. Lese „Land of Sunrise – Tales of old Japan by AB Mitford, London, Macmillan u. Co., 1883″.
Vor der Abreise nach Insel Jesso 100 $ und den Wechsel in den Paß im Koffer gethan.“
Japaner … “ tragen im Regen und Winter Strohmäntel, wie die Eskimesen sehen sie aus, außerdem tragen sie wegen des Schmutzes auch hohe Holzpantoffeln. Man ruft mich immer: „Dr. San, Dr. San, Dr. Herr“. Die Japaner sind sehr höflich. Sie verbeugen sich bis auf die Erde. Das Japanerviertel ist dicht besiedelt, die Fremdenstadt aber ist ganz modern. “

Foto li.: Kuli in Winterkleidung ca. 1890, Kusakabe, Kinbé, Sign.AlbAs 024-0006
Foto unten li.: Samurai-Zeremonie ca. 1890, Kusakabe, Kinbé, Sign.AlbAs 024-0028,
unten re.: Vorbereitungen zum Harakiri ca. 1890, Kusakabe, Kinbé, Sign. AlbAs 024-0053,
Fotos: Leibniz-Institut für Länderkunde,
Leipzig
“ Die alten Ritter (Samurai) in Japan …
…waren sehr feudal. Sie durften das Schwerdt nur zum Tödten ziehen, und da das auf der Bühne nicht geschieht, meiden sie das Theater.
Die Weiber werden sehr hart bei Ehebruch bestraft. Der Mann darf sie auch tödten. Aber die Kinderliebe ist sehr groß, beruhend auf der Tradition „ehre Vater und Mutter“.
Dafür werden die Eltern im Alter gut versorgt und verpflegt.
Oft werden 14jährige Mädchen zur Defloration gebracht, um sie „zeitig zu gewöhnen.“

Foto: Kusakabe, Kinbé, ca. 1890, Sign. AlbAs 024-0001, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig
Hokodate, Insel Jesso (Hokkaido)

Aus: Neuer Volks- und Familienatlas, Verlag von Velhagen und Klasing. Bielefeld und Leipzig, 1901.
© Friedrich Pöge
Donnerstag, 13.09. 1888 „Wir haben schon früh gepackt und fahren mit SS „Wakanoura-Maru“ nach Hokodate„
- “ … Captain Christensen der SS „Wakanoura- Maru“ hatte ich schon in Honolulu kennengelernt. Er spricht wenig deutsch und trotz seiner 25 Jahre Dienst kein japanisch. Wir fahren immer an der Küste entlang, sehr schön, noch schöner als die vor Australien. Die Reise dauert von Donnerstag bis Sonntag – wir legen in Okimiri an und erreichen endlich… am
- Sonntag, 16.09., um 6 Uhr Hakodate, ein sehr sicherer, geschützter Hafen.
- Wir steigen wieder in eine Jinrika (Jinrikisha) und fahren bis zu unserem japanischen Hotel…“
- Max als Mediziner beobachtet die Menschen: „Ich sah unterwegs viele Leute mit Eiter in den Augen.“

Neben Jinrikishas gibt es zur Personenbeförderung noch „Japanische Reisesessel“
Foto: Kusakabe, Kinbé, ca. 1890, Sign. AlbAs 024-0027, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig
- „Im Hotel sind alle Scheiben von Papier – keine Betten, nur Decken – aber: Schuhe sofort ausziehen… hehe!“ …. die Japanesen machen ihre Bücklinge bis auf die Erde.
- Nachmittags bestiegen wir den Pick und genossen eine herrliche Aussicht auf die Stadt und den Hafen, ein Fort ohne Kanonen.
- Wir sahen viele Götzenbilder, denen man Papierschnitzel geopfert und an die Bäume gebunden hatte.
- Beim Stadtrundgang ist wirklich alles echt japanisch! Der alte Stadtgraben ist zugeschüttet, helle Promenaden sind entstanden.
- Im Hotel warten 2 nette Mädchen auf uns beide (Max und Georg). Eine ist besonders nett, holte mich zum Bade… Sie zog mich aus und rieb mich ab, bis auf den Penis…die japanischen Mädchen sind aber sehr schamhaft.“
„Montag, 17.09.88, früh ½ 5,
Aufbruch per Wagen
nach Mori auf der anderen Seite der Bai.“

“ … in Hokodate bestiegen wir den Pick, sahen die Stadt und das Fort (s. Hakodate=Fort ist eigezeichnet).
“ … mit dem Wagen nach Mori … mit steamer ging es über eine schöne Bai nach Mororan ...“.
Aus: Japan Nelles Maps. Special maps, um 1900. *2499 K 0056. StuDeO – Studienwerk deutsches Leben in Ostasien e.V.
„… wir hielten oft und bekamen in den Theehäusern immer Thee, Tiffin (=Essen in Trägern) auf dem floor, aber vorher: hübsch die Schuhe ausziehen! In Mori bestiegen wir einen kleinen steamer und in 3 Std Fahrt ging es über eine schöne Bai, resp. Hafen, nach Mororan. Uns erfreute eine schöne Aussicht aufs Meer.“
In einem japanischen „Papierhäuschen“
“ Es ist schon hübsch kalt und – da wir wieder in Papierhäuschen schlafen – war es des nachts besonders kalt.
Die Japaner sind alle in einem Zimmer, Bad ist auf der Veranda, Waschtoilette im Waschhaus. Nebenan ließ sich unser „Massa“ massieren – es klopfte immer auf popo, ich wusste erst gar nicht, was es war. In jedem Zimmer hängen Kimonos, hängende Kakimonas (Rollbilder) und screens (Wandschirme) mit japanischen Mustern bemalt.
In der Mitte ein kleiner Kasten mit Steinchen und der ewigen Theekanne, dazu ganz kleine Tässchen immer parat. Theetrinken ist Tradition.“

„…abends gehe ich ins Theehaus, und nachdem man mir die Stiefel ausgezogen hat und gegen Caution von 3 $, amüsiere ich mich zweimal mit „Iku“. Die japanische Konversation ging mit Hilfe meines Sprachführers so leidlich. Ebenso leidlich schlief ich dann abends ein, denn kleine Tierchen waren allzu blutdürstig.“
Dienstag, 18.9. 1888 „Es ging per Wagen früh 6 Uhr los. Wir passierten verschiedene kleine Dörfer, immer an der Küste von Mororan entlang.
(Muroran auf der Insel Hokkaido, damals ein Dorf, heute eine Stadt. )

2. Von Muroran mit steamer nach Hakodate, gegenüber der Bai, nach Mori . „Hokkaido aus Brockhaus“, Brockhaus 1970. StuDeO – Studienwerk deutsches Leben in Ostasien e.V.
„Unser Führer Matsu bekommt überall seine Anweisungen aus Yokohama – also Geschäft in der ganzen Welt.“
“ Mit dem Wagen fuhren wir von Mororan (Muroran) nach Tomakomai. Die Vegetation ist wie daheim. Aber es ist kälter hier – hoher Schnee liegt im Winter wie in Sibirien, und es gibt Bären. Georg kaufte alte Waffen für 22 $.“
„Wir querten einige Ainodörfer, Dörfer der Ureingeborenen…
… die auch einen eigenen Dialekt sprechen. Die Menschen sind etwas heller. In der Tracht, die sich von den Japanern unterscheidet, sind Männer und Weiber nicht zu unterscheiden. Sie haben Tätowierungen, Schnurrbärte. Mädchen von 6 Jahren nur wenig, aber wenn sie heirathen, einen größeren mit festen Spitzen und die Augenbrauen laufen quer über die Stirn – und sie tragen viele Armbänder.
Dann sehen wir eine AINO Hütte. Die Alten kauern um das Feuer. Schilf und Fische sind die ganze Habe.“
„Mittwoch, 19.09., früh 5 Uhr „Aufbruch per Ross nach Sapporo, wo sich eine Deutsche Dampf-Bier-Brauerei befindet. Wir ritten auf Packsätteln, so dass man am Abend die Beine nicht mehr zusammenbringen konnte. Die Szenerien waren nicht besonders, wohl aber meine Kunststückchen auf den Rossen – Wechseln der Beine pp. Man probiert es eben in allen Lagen. P. fiel anfangs herunter, ich sprang zur „Prophylaxe“ ab.“
„… die Japaner baden sehr heiss ganz offen auf der Strasse vor der Thür in Fässern. Der Wechsel der Kleider geschieht im Theehaus ganz offen, so sah ich dies ein Mädchen der Hitze wegen thun – der Busen ganz frei und nett.“
Hunger und Durst
„Auf dieser Reise hatte ich großen Durst, kein Bier. Da, plötzlich, sah ich es blinken, ewig schade – zu spät. Desgleichen vor Mori, wo mein Gaul absolut nicht halten wollte und ich auch hier nicht meinen Durst stillen konnte. Und Hunger. Gestern aßen wir nur eine Ente, heute die andere, daneben Eier – that is all. Nach zweimal Pferdewechsel kamen wir abends 7 Uhr in Sapporo an, wo wir uns in ein deutsch eingerichtetes Hotel einlogierten.
Zum 1. Mal haben wir gut gegessen, getrunken und geraucht.“
„Morgen früh aber soll es gewiss schon 9 Uhr weitergehen – nach den Kohlebergwerken. Wir erfahren, daß alle Verbrecher Japans in den Kohlewerken arbeiten müssen .“

Karte: „Hokkaido aus Brockhaus“, Brockhaus 1970. StuDeO – Studienwerk deutsches Leben in Ostasien e.V.
Hokkaido ist nach Honshu die zweitgrößte Insel Japans und gilt als Heimat der Ainu.
Neben China galten im 19. Jh. in Japan besonders Koschiro und die Gegend um Sapporo als hauptsächliche Standorte der Steinkohlenbergwerke.
(Max übernachtete in Tomakomai und besuchte von dort aus die Kohlegruben bei Sapporo.)
„Wir besuchten die Minen. Und ich sehe amerikanische Waggons, aber keine Fahrpläne in englisch. Da kein Zug außer mittags geht, so blieben wir die Nacht in Poronai (Tomakomai). Georg wollte durchreisen, doch das war lächerlich, denn es machte sich in der Nacht ein kolossaler Sturm auf, durch die caputen Schreiben des Theehauses pfiff der Wind bedenklich.“
„Am nächsten Tag, Freitag, 21.09., ging es früh ½ 7 Uhr bereits zurück nach
Sapporo, das wir am Nachmittag besuchen und Photos kaufen. Wieder verbeugen sich die höflichen Japaner beim Grüßen mit dem Kopf bis auf die Erde, 2 mal „Sayonara“.
„Am Abend ließ ich mich von einem Blinden „shamponiren“ – das ist massiren. Er konnte gut alle 4 Gangarten, besonders das Klopfen und das Greifen
– 25 cent.“
Nun beginnt die denkwürdigste Fahrt
meines Lebens…

„Da von Hakodate bis Yokohama nur jeden Dienstag und Freitag Dampfer gehen, sollte die Fahrt unbedingt Dienstag gemacht werden. Es würde ¼ Std. gespart und dann sollte früh ¾ 9 Uhr mit dem Kohlezug bis Otaroa (Otaru), dem Hafen, gefahren werden. Obgleich 1 Schiff hier lag, wurden Pferde besorgt.“
„Um ½ 1 Uhr ging der Ritt los mit den bekannten Packsätteln und Ponnies. Wir wollten bis Iwanei, der Hafenstadt an der Küste, kommen. Es ging durch gebirgiges, steiniges Gelände, die Pferde wurden wiederholt gewechselt. Oft konnte man sich unterwegs Früchte kaufen. Den ganzen Tag hatten wir nur 1 Ente und 1 Fl. Japanischen Vino genossen, dazu Brot und Thee nach Belieben.“
Im Mondenschein

„Des Nachts passierten wir ein wunderschönes Thal und Gebirge bei schönstem Mondenschein, aber bei kalt-nebeligem feuchtem Wetter. Bei Tage hätte es großartig sein müssen.“
„Um ¼ 5 Uhr kamen wir endlich in Iwanei am Meer an. Erst waren wir im falschen, dann aber im richtigen Hotel. Endlich ausruhen. Und ich dachte:
“ … was ohne Ruhepausen geschieht, ist nicht von Dauer.“
Ovid
“Doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Sofort schickte er (Georg P.) nach den Pferden. Ich legte mich hin und schlief von 5 – ½ 7 Uhr.“
„Es war der 22.09. 1888: Carls Todestag. Ich sagte es Georg. Antwort: „So, heute?“
Max‘ Kommentar: „Das nennt sich Bruder.“
„Die Rosse kamen Sonntag, 23.09., ½ 8 Uhr. Matt und müde kam ich auf das Pony. Doch es gelang mir, die Müdigkeit zu überwinden. Es ging mühevoll sehr steil bergauf, bergab – bis wir nach einem Pferdewechsel endlich abends Land sehen und über einen breiten Fluß setzen.“
(Toshibetsu an der Südostküste Hokkaidos ist eine der kältesten Regionen Japans, bis zu -20 Grad C. )
„Leider hatte die Gereiztheit von Georg immer mehr zugenommen. Der arme Führer konnte ein Liedchen davon singen. Auch ich sollte nun dran kommen – und zwar schimpfte er auf die Homöopathie, sicherlich, weil ich in den Dörfern wiederholt Patienten behandelte und selbst Arnica etc. nahm, er aber auch. Und er sagte, ich wäre schuld am sehr langsamen Vorwärtskommen, weil ich immer weit hinten wäre.“

„Wir ritten immer am Meer entlang, durch viele Dörfer, alte Bauernhäuser, grosse Armut. Die Menschen leben vor allem von Fischfang“.
Alte „urjapanische Holzhäuser“, 19.Jh. (Ainohäuser). Quelle: Edmund Fürhölzer, Freundesland im Osten. Wilhelm Limpert Verlag Berlin, 1943. StuDeO – Studienwerk deutsches Leben in Ostasien e.V.
„Wir gelangten in ein Dorf, wo wir keine Pferde bekommen konnten. Der Dolmetscher bot an, die Polizei könnte Kulis requirieren, die dann Ponys aus den Bergen holen. Das geschah denn auch: ½ 10 Uhr abends ging es weiter. Wir aßen noch 3 weiche Eier, da die Enten alle waren.
Jetzt überschritten wir die Halbinsel, um auf die andere Seite zu kommen: nach Osamambe (=Oshamambe) vis-a´-vis von Mori auf der Bai gelegen. Ich hatte das große Glück, für kurze Zeit einen Sattel zu bekommen – das reine Sopha gegen den Packsattel.
Ein 80jähriger Greis führte uns eine kurze Strecke bis wir gegen 12 Uhr wechselten.
Darauf ritten wir bei schönstem Mondschein, neblig, auf ebenen Pfaden, was mir sehr gefiel. Ich rauchte meine 28 ct (80 Sen/銭) Zigarren und fühlte mich recht wohl – obwohl es kalt war.
„Gegen 5 Uhr erreichten wir endlich Oshamambe. Sofort musste der Dolmetscher neue Pferde besorgen. Da es sehr früh war und es stark zu regnen begann, legte ich mich sofort nieder und schlief von 5-6 Uhr in der Früh. Plötzlich weckten mich die Japanesen, und ich nahm eine Tasse Thee. 6.10 Uhr dann der Aufbruch. “
Max notiert:
„Java: Große Ohrlöcher
Japan: Schwarze Zähne.“
Montag, 24.09., „Wir ritten den ganzen Tag immer am Meeresstrand entlang nach Mori. Nur einmal wurden die Pferde gewechselt. 12 ½ Uhr gefrühstückt: Zunge und Brot – Enten waren alle.
Ich war heute sehr gefasst und guter Stimmung. Ich hatte mich durchgerungen, abzureisen – unwiderruflich. Aber ich will noch warten, P. meinen Entschluss mitzuteilen, bis er ruhige Stimmung hat. Abends, ½ 7 Uhr, langten wir in Mori an und aßen zuerst die Zunge und 2 Eier. Schade, dass es schon wieder hieß „weiter“, denn die japanischen Dienstmädchen waren sehr nett! Wie gern hätte ich mich noch mit den kleinen Japanesinnen geneckt.
Um ½ 8 Uhr brachen wir auf, aber jetzt per Wagen, es ist kalt, wir waren um 4 Uhr früh in Hokodate und um ½ 5 Uhr auf dem Schiff „S.S. Satsuma Maru“, das 5 Uhr nach Yokohama ablegte.“
„Dienstag, 25.09. 88, eine sehr angenehme Seereise, ich schlief viele Stunden, badete und trank ½ Seckt.
„Nachmittags kam der Dolmetscher zu mir:
“ Matsu – (Georg P.) krank, Kopfweh, Blutfülle im Kopf. Doch Georg meinte „nur ein bisschen Kopfweh“. Gestern, als ich ihn nach seinem Befinden fragte, meinte er: „my eyes are just all the time half open.“ So war es auch, er konnte kaum aus den Augen sehen…
Ich gab Aconit und Arnica.“
(Aconit – Der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) ist eine stark giftige Arzneipflanze, wird in der homöopathischen Medizin als Schmerzmittel eingesetzt. )
Arnica , die Echte Arnika (Arnica montana) ist eine Heilpflnaze, eine bekannte Alpenblume, hilft äußerlich u.a. bei Prellungen, Verletzungen
„… heute dachte ich bei mir, Georg müsste doch wissen, ob er selbst böse Folgen davon hätte, würde ich ihn verlassen. Und auch ich selbst wäre ohne Geld und Dolmetscher in einem fremden Land unter fremden Leuten. Aber ich hatte es mir nun fest vorgenommen, ihn definitiv zu verlassen. Ich habe weder als Arzt noch als Mensch irgendwelchen Einfluss auf ihn.“
Mittwoch, 26.09. 88. “ … wir fahren ¾ 9 Uhr mit einem kleinem Dampfer nach Shiogama. Per rail geht es weiter von 11 – 3.20 Uhr bis Fukushima, wo wir die vielen Tempel sahen und ich 1 Std schlief. Angekommen sind wir in Fukushima um 6.50 Uhr.“
(Anm.: Ein Erdbeben der Stärke 9,0 und der Tsunami v. 11. März 2011 verwüsteten weite Teile der japanischen Küste, 18.500 Menschen kamen ums Leben … die Atomkraftwerke 1-3 wurden zerstört, rd. 160.000 Anwohner sind vor der radioaktiven Strahlung geflohen. Nach Tschernobyl war Fukushima der 2. GAU der Geschichte….Natalia Sobarska, wikipedia.)
„Wir speisten im Theehaus europäisch, weil die Jinrikas uns nicht fahren wollten. Wir unterhielten uns sehr nett mit der kleinen Kellnerin.“
„Donnerstag früh 6 Uhr Abreise nach Motomija. Wir trafen dort 1 ½ Uhr ein und fanden die telegrafisch beorderten Jinrikishas (1.10 Sen) vor.“
(Jinrikisha japanisch, jin = Mensch, 力 riki = Kraft oder Antrieb, 車 sha = Fahrzeug; wikipedia.)
„Wir fuhren bis zum Fuße des Vulcans
Bandaisan…
… einer Vulcangruppe nahe Motomija. Nach dem Essen ¾ 2 Uhr wollten wir nach Pandeiran. Aber da kein Mondschein am Himmel war und die Zurückkehrenden sagten, es würde 11 Stunden dauern, da verweigerte der Führer, weiterzugehen. Da bot P. ihm den doppelten Lohn, und der lahme Japaner willigte ein.
P. rief mir zu: „I do not want your advice“ (Ich will deinen Rat nicht). Wir schlafen kurz unterwegs, aber die vielen Sümpfe und Sturzacker, verursacht durch den Vulkanausbruch Mitte Juni 1888, erschwerten den Ritt sehr. P. meinte, wir, der Dolmetscher und ich, könnten umkehren. Das taten wir und waren 5 Uhr in Anajawa…?
Früh wurde ich ½ 9 geweckt: „es geht weiter, sie sind zurück.“. Mit Jinrikishas fuhren wir nach Koriami. Um 8 Uhr ging der Zug nach Yokohama, wo wir 5 Uhr nachmittags ankamen. Bin sehr zeitig schlafen gegangen, P. in Gesellschaft.“

Kauf von Kuriosiäten in Japan, 1888
„Sonnabend, 29.09., Besorgungen in Yokohama, Einkäufe, Uhrmacher, Briefe, Anzug (28 $). „Die Abgründe des Lebens“ zu Ende gelesen.
Oft habe ich an Clärchen gedacht… ja, ich hoffe …“ (17)
Max hat nachstehendes Gedicht vermutlich selbst verfasst. Die Korrekturen des Textes im Notizbuch sowie an einige
Nachkommende vererbtes Dichtertalent lassen darauf
schließen.
(glaubwürdig, aber nicht verläßlich nachgewiesen).

(Auszug)
„Was einmal tief das Herz durchdrang,
lässt sich nicht leicht vergessen.
Die Wehmut quält so still und bang,
bis sich die Augen nässen …
als mir dein Mund von Liebe sprach,
war ich ein Gott auf Erden,
doch als dein Herz die Treue brach,
was soll aus mir nur werden ...“.
(Blume: Hedda Kalshoven-Brester†)
Ankunft in Tokio

Blick vom Atoga-Hügel auf Tokio
Foto: Kusakabe, Kinbé, ca. 1890, Sign. AlbAs 024-0074 ©Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig
„Am Donnerstag, 04.10., sind wir mit der Fähre in einer Stunde in Tokio gelandet. Donnerstag und Freitag ist Zeit für Besuche (Stabsarzt Kleffel) und für Besichtigungen.“
Unser Programm für Besichtigungen
- Buddha Tempel (vermutlich der Asakusa Tempel/Schrein, Tokios ältester und bedeutendster buddhistischer Tempel. )
- Gärten besucht
Bonsai ca. 500 Jahre alt
Japan ist die Heimat der weltweit schönsten Bonsai. Im Großraum Tokio sind die berühmten japanischen Bonsaigärtnereien beheimatet.
- Berg Aka bestiegen und die Aussicht auf Tokio bewundert. (Anm.: Es handelt sich vermutlich um den weniger als 600 m hohen Berg Takao)
- Tempel von Shin-to besichtigt
- Auf den „Bamboo-Berg“, dann durch die Hurengasse zurück (konnten nicht ermittelt werden).
- Soldatenreiten und Exercieren angesehen.“
„Ich sah den Mikado-Palast (Kaiserpalast) in seiner Pracht – dort englische Legation.“
The Mikado The Impress
Japans Kaiser und die Kaiserin. Aus: Fotoalbum Japan, vor 1888
Sonnabend, 06.10. 1888
Trennung von Georg Passavant
Max will die Heimreise antreten und trennt sich von Georg Passavant. Er begibt sich allein weiter in Richtung Singapur, Siam, Indien, Ägypten, Italien, Schweiz bis nach Deutschland. Er wird mit seinen Mitteln haushalten und sich unterwegs durch ärztliche Behandlungen Geld hinzuverdienen müssen.
(Die noch folgenden Notizen, mit Bleistift, kreuz und quer geschrieben, sind Adressen, Namen, Arzneien, Abrechnungen.)
Sonntag, 07.10., Fahrt nach Kobe. „Ich begebe mich früh 8 Uhr an Bord des S.S. Menagerie (Segelschiff) und treffe Stabsarzt Kleffel, der mir Frau Dr. Cathegius aus Shanghai vorstellte, die zur Kur hier war mit ihren 3 Kindern. Sie stammt aus Hamburg, mit 18 Jahren geheiratet, er 26 – sehr nett.“
„Montag früh sind wir in Kobe. Ich gehe mit Frau Dr. an Land, diverse Sachen zu besorgen. Abends sind wir wieder an Bord.
Eine „English sister“ hält einen Vortrag über die chinesische Sprache, z.B. hat ein Vocal 10 diverse Aussprachen mit verschiedener Bedeutung.“
„Am nächsten Tag wollen wir die berühmten Wasserfälle besuchen.“

Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig
Abfahrt von Kobe, Dienstag, 09.10., 2 Uhr. „… immer zwischen den Inseln Hondo (Honshu), Sikoku (Shikoku), und Kinsin (Kyushu) nach Shanghai.“
„Die Bergzüge sehe ich 3 bis 4 fach, der Himmel und die Dörfer einfach prachtvoll – die schönste Fahrt der ganzen Reise. Die bisherige Enttäuschung ist gänzlich verschwunden – bin entzückt. 1 ½ Std sind wir den blauen Fluss Jangtsekiang (900 Meilen schiffbar) gefahren.“
